Meldungen des Jahres 2026

Meldung vom 12. August 2026

Wer weiß was? Auf der Suche nach der 1982 verschwundenen Skulptur von Michael Blumhagen zum Gedenken an Matthias Domaschk

Am 12. April 1981 starb der 23-jährige Matthias Domaschk in der Untersuchungshaftanstalt Gera des Ministeriums für Staatssicherheit. Matz, wie ihn seine Freunde nannten, gehörte zur oppositionellen Szene von Jena und geriet dadurch ins Visier der Staatsmacht. Nach offizieller Darstellung soll er sich wenige Minuten vor seiner geplanten Entlassung das Leben genommen haben. Zum Todesfall wurde wiederholt und ausführlich geforscht, dennoch sind die genauen Umstände nicht zweifelsfrei geklärt.
Aus Anlass des ersten Todestages errichteten Freunde von Domaschk gemeinsam mit dem Bildhauer Michael Blumhagen auf dem historischen Johannisfriedhof in Jena im April 1982 eine Steinskulptur zu seinem Gedenken. Die sitzende, schutzsuchende Figur („Der trauernde Mann“) trug im Sockel den Namen des Verstorbenen sowie das Geburts- und Todesdatum. Es sollte ein sichtbarer Ort des Erinnerns sein – auch für Menschen von außerhalb.

 

Vier Männer und ein Lada mit Anhänger
Zeitzeugen zufolge wurde die zentnerschwere Skulptur noch am Tag ihrer Aufstellung von Mitarbeitern der Staatssicherheit in Augenschein genommen. In der Folge sei Druck auf die Kirchengemeinde ausgeübt worden, das Domaschk-Denkmal zu entfernen. Wenige Tage später wurde die Skulptur von vier Personen auf einen Anhänger gehievt und mit einem blauen Lada abtransportiert.
Der Vorgang wurde aus einem benachbarten Gebäude heraus fotografisch dokumentiert. Die Aufnahmen gelangten in die Bundesrepublik und wurden dort unter anderem im „Spiegel“ veröffentlicht. Seitdem ist der Verbleib der Skulptur ungeklärt. Auch die Lebens- und Arbeitsumstände von Michael Blumhagen stehen in engem Zusammenhang mit den Ereignissen. Im Juni 1982 wurde er zum Reservistendienst einberufen. Da er den Dienst an der Waffe verweigerte, wurde er zu sechs Monaten Haft verurteilt. Während dieser Zeit wurde das von ihm bewohnte Bauernhaus in Graitschen baupolizeilich gesperrt und abgerissen, zahlreiche seiner Arbeiten gingen dabei verloren oder wurden zerstört.
45 Jahre nach dem Tod von Matthias Domaschk ist die verschwundene Skulptur nach wie vor von hoher symbolischer Bedeutung. Sie verweist auf einen blinden Fleck im kulturellen Gedächtnis der Stadt Jena und darüber hinaus. Offen ist bis heute, wer den Abtransport konkret veranlasste, welche Institutionen beteiligt waren und welche Rolle kirchliche, städtische oder staatliche Stellen spielten.

 

Die Skulptur des Bildhauers Michael Blumhagen im Andenken an Matthias Domaschk (1957–1981) wurde im April 1982 vom Gelände des Jenaer Johannisfriedhof gestohlen und ist seitdem verschollen.

Foto: Robert-Havemann-Gesellschaft, RHG_Fo_HAB_11847

 

Keine Friedhofsruhe
Das Projekt thematisiert die verschwundene Skulptur bewusst ohne die Erwartung an ein bestimmtes Ergebnis. Gesucht werden Hinweise, Dokumente, Erinnerungen und Gespräche. Wer weiß etwas über den Transport der Skulptur mit Sockel? Wer erinnert sich an das Frühjahr 1982 in Jena? Gibt es Unterlagen in Archiven oder privaten Nachlässen, die bislang unbeachtet geblieben sind? Dieser Aufruf versteht sich ausdrücklich als Auftakt für eine ergebnisoffene Recherche, um die Verbringung der Domaschk-Skulptur von Michael Blumhagen zu klären. Die bisherigen Darstellungen stützen sich auf Zeitzeugenberichte, publizierte Fotografien sowie archivalische Quellen, die jedoch Lücken aufweisen und teilweise widersprüchlich sind. Ziel des kollektiven Projektes ist es, vorhandenes Wissen zusammenzuführen und bislang unbekannte Informationen zu erschließen.

 

Andreas Simon
Pfarrer, Jena

Kontakt (auf Wunsch auch anonym):
Ev.-Luth. Kirchengemeinde Jena
z. Hd. Andreas Simon, Lutherstraße 3, 07743 Jena
Telefon: 03641 573822
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