Aktuelle Meldungen und Veranstaltungen

Meldung vom 08. November 2023

Neue Ausgabe der Zeitschrift „Gerbergasse 18“ mit Titelthema HAFT-LITERATUR erschienen

In Form von Romanen, Tagebüchern, Gedichten oder Briefen bilden sie ein eigenes Genre der Literaturgeschichte. Von Fjodor Dostojewskis „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“ bis zu Nelson Mandelas „Der lange Weg zur Freiheit“, von Hans Falladas „Wer einmal aus dem Blechnapf frißt“ bis zu Gabriele Stötzers „Die bröckelnde Festung“, von Warlam Schalamows „Erzählungen aus Kolyma“ bis zu Mustafa Khalifas „Das Schneckenhaus“. Haft-Literatur gab und gibt es überall. Hinzu kommt eine nicht überschaubare Anzahl von Hafterinnerungen im Selbstverlag, die unaufhörlich wächst, vor allem vermehrt durch Berichte über Haftorte in autoritären Staaten und Diktaturen.

Das neue Heft der „Gerbergasse 18“ bietet im Schwerpunkt eine Auswahl von Beiträgen zum Schreiben in der und über die Haft. Die Spannweite reicht von Kassibern, nach außen geschmuggelten Nachrichten, aus dem Speziallager Buchenwald über Haftberichte aus DDR-Gefängnissen bis zur aktuellen Situation von Schreibenden, die aufgrund ihrer Werke in Haft gerieten oder von Verhaftung in ihren Heimatländern bedroht sind.
Das Aufschreiben, dies bestätigen Beratungsstellen für Betroffene von politischer Haft, ist hilfreich im Prozess der Bewältigung, der Heilung und ein mutiger Schritt bei der Befragung der eigenen Biografie. Für andere ist es ein befreiender Akt der Selbstermächtigung über das erlittene Unrecht, ein Triumph gegenüber den dafür Verantwortlichen. Manche memorierten (mangels Stift und Papier) eigene Gedichte oder ganze Dialoge mit dem festen Vorsatz, später über die Hafterlebnisse schreiben zu wollen.
Auch das übrige Heft beschäftigt sich verstärkt mit der Bedeutung von Büchern. Mit einem ausführlichen Beitrag wird der Vor- und Ablauf der nationalsozialistischen Bücherverbrennung am 26. August 1933 in Jena dargestellt. Auf dem Jenaer Marktplatz brannten vor 90 Jahren die Werke unerwünschter Autorinnen und Autoren – zwischen Bier, Blasmusik und Bratwurst. Vor 50 Jahren wurden „Die neuen Leiden des jungen W.“ zu einem deutsch-deutschen Buchereignis, weil das zum Roman umgearbeitete Theaterstück von Ulrich Plenzdorf 1973 sowohl in einem ost- (Hinstorff) als auch in einem westdeutschen Verlag (Suhrkamp) erschien. Über die Entstehung der „edition H“ berichtet ihr Herausgeber Manfred May, der den von Heimerziehung in der DDR Betroffenen durch veröffentlichte Selbstzeugnissen eine Stimme verleiht, jüngst durch drei neue Bände der „Weißen Reihe“.
Rezensionen zu neuen Publikationen zum 17. Juni 1953, zur Autobiografie „Wir wünschten uns Flügel“ des Journalisten Harald Stutte sowie zum angeblich neuen Blick auf die DDR-Geschichte namens „Diesseits der Mauer“ von Katja Hoyer ergänzen die aktuelle Ausgabe der „Gerbergasse 18“ (Heft 108), die wie immer im lokalen Buchhandel oder direkt über die Geschichtswerkstatt Jena erhältlich ist.

Das Inhaltsverzeichnis und Leseproben finden Sie HIER.

Meldung vom 29. September 2023

„Der große Schwof“ im Stadtmuseum Jena. Eine Ausstellungsrezension

„Der Große Schwof. Feste feiern im Osten“ heißt die Fotoausstellung, die seit dem 1. Juli in der Jenaer Kunstsammlung im Stadtmuseum zu sehen ist. „Schwofen war der Begriff für Tanzen gehen, Rumhängen, miteinander sein, Singen, Essen, Saufen, Sex haben. Also alles das, was meistens am Wochenende stattfand: der große Schwof", erzählt die Fotografin und Kuratorin der Ausstellung, Petra Göllnitz, im Interview mit dem MDR. Gezeigt werden Fotografien von 31 professionellen Fotografinnen und Fotografen, die in der DDR wirkten und auf sehr unterschiedliche Weise die damalige Fest- und Feierkulturen einzufangen versuchten. Auf über 300 gezeigten Fotografien wird ein buntes und diverses Bild des Feierns im SED-Staat präsentiert. Zu sehen gibt es großformatige Prints von Feiern und feiernden Menschen zu den unterschiedlichsten Anlässen. Das fotografisch abgebildete Themenspektrum reicht dabei von Punk-Partys über Faschingsfeiern, Hochzeiten, Dorffeste bis hin zu offiziellen staatlichen Feiern wie dem Turn- und Sportfest in Leipzig 1987 oder dem DDR-Nationalfeiertag am 7. Oktober in einem Seniorenheim. Insbesondere den Fotografien von privaten Feierlichkeiten wird dabei viel Platz eingeräumt.
Die Fotografinnen und Fotografen werfen so einen facettenreichen Blick auf die Gesellschaft und das Feiern vor 1990. Dies führt dazu, dass die Ausstellung nicht nur eine einzige Erzählung über die DDR ermöglicht, sondern eine breite, vielschichtige Geschichte des Alltags vermittelt. Dreh- und Angelpunkt ist das titelgebende „das Schwofen“ – ein im Osten gebräuchlicher Ausdruck für das ausgelassene Tanzen.
Der Leipziger Fotograf Ludwig Rauch veranschaulicht durch seine Bilder, wie die Fasson des Sozialismus im diffusen Licht verqualmter nächtlicher Tanzlokale zu verschwimmen beginnt. Die Erzählung von den Freiräumen in der sozialistischen Diktatur zieht sich in gewisser Weise durch die gesamte Ausstellung. Doch sind diese nicht ausschließlich fernab der offiziellen Feste zu finden, wie Harald Hirsch mit seinen Bildern zu zeigen vermag oder auch Jens Rotsch mit seinen Aufnahmen des Leipziger Turn- und Sportfests. Bedrückend leicht kommen die Bilder von Barbara Metselaar Berthold daher. Die von ihr abgelichteten Szenen einer Abschiedsfeier in Ost-Berlin lassen nicht erahnen, dass sich die gezeigten Personen wenig später voneinander verabschiedeten werden, in der Erwartung, nie wieder gemeinsam im selben Land leben zu können, weil ihre Ausreise aus der DDR genehmigt wurde. Harald Hauswalds Kneipenszenen gelingt es durch die sich bewegenden Körper, die unkontrollierte Dynamik des Alkoholrauschs und des wilden Feierns sichtbar zu machen. In einem kleinen Vorführraum werden zudem kurze Interviewsequenzen mit den Künstler:innen abgespielt, in denen diese zu ihren Werken, aber auch über ihre eigene Vergangenheit Interviewt werden. Diese Hintergrundgespräche sind aber auch online nochmals zu sehen.

Obwohl überwiegend schwarz-weiß Fotografien gezeigt werden, wirken diese oft so dynamisch, so lebendig, dass sie quasi als farbig bezeichnet werden könnten. Die angewendete Bildsprache zeigt nicht selten überbelichtete und verschwommene Szenen von tanzenden, feiernden Menschen. Gerade durch diese Ästhetik – amateurhaften Partyfotos nicht unähnlich – wirken viele Ausstellungsfotos auch nach über 30 Jahren nah und lebendig. Die sich drehenden, tanzenden Menschen scheinen nicht still zu stehen, und so ist es fast, als höre man den Lärm der Musik und der feiernden Menschen, als rieche man den Qualm der Zigaretten, den Schnaps und den Schweiß durch die Bilder hindurch in der Gegenwart.
Zur Ausstellung ist ein opulenter Ausstellungskatalog erschienen. Das 240-seitige Buch beinhaltet neben den gezeigten Fotografien auch die dazugehörigen Künstler:innen-Begleittexte aus der Ausstellung sowie weitere Kontextualisierungen zu den Entstehungsbedingungen der Fotos. In der Jenaer Kunstsammlung wird die Ausstellung noch bis zum 15. Oktober 2023 zu sehen ein, ehe sie im nächsten Jahr nach Brandenburg weiterzieht. Ein Besuch lohnt in jedem Fall.


Jonathan Horn
Student Kulturgeschichte, Jena

 
 
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