Meldungen des Jahres 2025

Meldung vom 23. Dezember 2025

Jessas na, a Trabi – Eine deutsch-deutsche Weihnachtsgeschichte aus der Zeit der Teilung und kurz danach

Im Dezember 1988, noch vor Weihnachten, gehörte ich zu den Glückspilzen, die von einer blondhaarigen Mitarbeiterin der Abteilung Pass- und Meldewesen des Volkspolizei-Kreisamtes Jena, vorzeitig ein Weihnachtsgeschenk überreicht bekam, über das sich so mancher, hier oder anderswo lebende DDR-Bürger, ebenfalls unendlich gefreut hätte. Es war die Erlaubnis für eine Reise „in dringenden Familienangelegenheiten“, wie es offiziell hieß, in die Bundesrepublik, den anderen deutschen Staat. Der besondere Anlass in meinem Fall war, dass meine Cousine Trudi, die in Gröbenzell bei München lebte, ihren 65. Geburtstag feiern konnte. In einem solchen Fall war es möglich, einen Antrag für einen Besuch bei Verwandten zweiten Grades zu stellen, dem aber keineswegs hundertprozentig die Aussicht auf eine Genehmigung beschieden war. Ausschlaggebend waren runde oder zumindest halbrunde Jubiläen. Was mich betrifft, so hätte ich Trudi das nächste Mal zu ihrem 70. Geburtstag persönlich gratulieren können. Vorausgesetzt … 
Nach 31 Jahren war es mir endlich möglich, wieder einen „Interzonenzug“ besteigen zu dürfen, der mich in eine Welt brachte, die ich lediglich bruchstückhaft aus dem „Westfernsehen“ kannte. Wenn ich jemand gewesen wäre, mit der Weltanschauung der DDR-Oberen im Kopf, dann hätte ich mich während der zehntägigen Reise außerordentlich beeilt. Schließlich war Westdeutschland ein kapitalistischimperialistisches Land. Diese Gebilde waren gesetzmäßig zum Untergehen bestimmt. Eine Tatsache, die sich auf die weitere Entwicklung der menschlichen Gesellschaft bezog und die wissenschaftlich bewiesen, unwiderlegbar in den Lehren des Marxismus-Leninismus verankert war. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die letzte Ausbeutergesellschaft in der Geschichte der Menschheit verschwinden und es keine antagonistischen Gesellschaftsordnungen mehr geben würde – oder so ähnlich. Ich kann dies nur mit dem Wissen wiedergeben, das mir während der Schulzeit eingebläut wurde.
Mit einem Nachtzug fuhr ich über das vogtländische Plauen in Richtung Bayern. Die Kontrollen durch Grenzpolizisten und Angehörige des Zolls der DDR bei der Ausreise konnte man verkraften. Was sollte man aus einem Land, in dem dauernd etwas Mangelware war, herausschmuggeln wollen – dorthin wo man im Überfluss leben konnte? In Hof an der Saale hielt der Zug auf bundesdeutschem Gebiet. Wohin meine Reise gehen würde, fragte mich der westdeutsche Beamte. In die Nähe von München, antwortete ich – nach 32 Jahren wieder. Er schüttelte leicht den Kopf und hielt sich dabei die Mütze fest. Ich war allein im Abteil, konnte aber nicht schlafen. Als der Zug seine Geschwindigkeit verringerte und die Waggons leicht über Weichen schlingerten, wurde mir bewusst, mein Ziel erreicht zu haben.

Urlaub an der polnischen Ostsee mit dem Trabi, 1987.

 

Autofahrten
„Bitte alle aussteigen, dieser Zug endet hier“, ertönte es aus den Lautsprechern. Dann folgte das Aufzählen von Anschlusszügen: Namen von Städten in halb Europa. Mit leicht zitternden Knien betrat ich den Bahnsteig. Hier irgendwo hatte mich Trudi im Sommer 1956, nach meiner ersten Reise in den Westen, verabschiedet. Nun kam sie herbeigeeilt. Wir erkannten uns sofort, denn sie war vor einigen Jahren zu Besuch zu uns gekommen. Damals lebten meine Eltern noch. Wir umarmten uns. Ein mir fremder Mann stand neben ihr. Sie stellte ihn mir als Nachbarn und guten Bekannten vor. Er hieß Toni. Mit seinem Auto holten sie mich ab. Trudi war alleinstehend und nie verheiratet gewesen, obwohl sie ein „fesches bayrisches Madl“ gewesen war, was man auf Fotografien früherer Jahre sehen konnte. Mein Herz schlug höher, als sie mich einluden, auf dem Beifahrersitz Platz zu nehmen. Donnerwetter! Das war ein Mercedes-Benz, C-Klasse. Die kannte ich natürlich nur aus dem schon erwähnten Westfernsehen. Nun konnte ich bis zu Trudis Wohnung im Örtchen Gröbenzell in einem solchen Traumauto mitfahren.
Ich fragte, was Toni beruflich machen würde. Zu meinem Erstaunen erfuhr ich, dass er beim Bayerischen Rundfunk als Kfz-Mechaniker und Kraftfahrer zum technischen Personal gehören würde. Nach den in der DDR üblichen klassengemäßen Einteilungen der Bevölkerung wäre er dort ein Angehöriger der Arbeiterklasse und damit der führenden Klasse im ersten Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden, worauf er sich etwas einbilden könnte. Klugerweise verzichtete ich darauf, ihn dahingehend anzusprechen und so geschah es, dass ich Gelegenheit fand, ein zweites Mal in dem großartigen Auto mitfahren zu können.

Weihnachtsmarkt in München 1988, Kopie aus 8mm-Filmmaterial.


Hier ist auch die rechte Stelle, darauf hinzuweisen, dass ich von Jugend an ein Autofan bin, wenn ich nicht sogar das Zeug in mir hatte, ein echter Autonarr zu werden. Aber, um ehrlich zu sein, es wäre – im Gegensatz dazu – nicht verwunderlich gewesen, wenn ich mich zu einem fanatischen Autohasser entwickelt hätte.
Die erste Fahrt in einem Personenkraftwagen (Pkw) meines Lebens erlebte ich, allerdings unfreiwillig, am 13. Januar 1959, im Alter von 19 Jahren. Es war ein Wagen der Marke „Eisenacher Motorenwerke“ (EMW), nach DDR-Verhältnissen vergleichbar mit einem Auto wie es Toni gehörte. Der EMW war ein Dienstwagen der Bezirksverwaltung Gera des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) und diente dazu, verhaftete Staatsfeinde in die Untersuchungshaftanstalt dieser Einrichtung zu transportieren. Ich saß während der Fahrt, mit Handschellen gefesselt, im Fond des Wagens zwischen zwei Angehörigen des MfS, die in Zivil gekleidet waren. Drei Monate später bestieg ich mit anderen abgeurteilten „Staatsverbrechern“ ein etwas größeres, motorisiertes Gefährt, im Volksmund auch „Grüne Minna“ genannt, das uns in die Strafvollzugsanstalt ins sächsische Waldheim brachte. Danach sah ich zwei Jahre lang kein Auto mehr, sondern nur noch das Wägelchen, mit dem der Kalfaktor Fritz die Essensportionen zu den Tischen fuhr, an denen wir politischen und kriminellen Knastbrüder, friedlich vereint, auf unseren Hockern hockten und in unsere Blechnäpfe starrten. Auch zu Weihnachten! Hierher verirrte sich weder Weihnachtsmann noch Christkind. Kein noch so kleines Zweiglein einer Tanne schmückte die trostlosen grauen Wände.
Froh war ich während meines Aufenthalts bei Trudi, dass ich in Toni jemanden gefunden zu haben glaubte, mit dem ich mich über Automobile jeglicher Art unterhalten konnte. Deshalb erzählte ich ihm, dass ich auch in der glücklichen Lage sei, ein solches mein eigen nennen zu können. Auf meinen Trabant-Kombi hatte ich 15 Jahre warten müssen, bis ich ihn endlich im Jahre 1985 in Rudolstadt abholen konnte, dort, wo sich das zentrale Auslieferungslager des Bezirkes Gera für Privat-Pkws befand. Ich sei recht zufrieden damit, meinte ich. Lediglich die Tatsache, dass er keine Rollgurte habe, ärgere mich etwas. Solche gäbe es hauptsächlich in den Luxus-Ausführungen. An die könne man nur über „Genex“, den Bestellkatalog für Westwaren im Osten, herankommen, was über vermögende und spendabel handelnde Verwandte im Westen möglich wäre. Trudi gehörte nicht dazu. Kaum hatte ich es ausgesprochen, als mich Toni am Arm packte und auf den Sitz in seinem Auto zerrte, auf dem ich schon einmal saß. Wir fahren in die Nähe von Dachau, dort kenne ich jemanden in einer Autoverwertungsanlage. Der wird ein paar passende Rollgurte für dich ausbauen, meinte er. Auf dem Autofriedhof angekommen unterhielt sich Toni kurz in oberbayerischem Dialekt mit einem Handwerker mittleren Alters, der sich dabei über sein Kinnbärtchen strich. Gemeinsam begaben wir uns zu einem Objekt, das zu meiner Begierde wurde.
Tonis Bekannter hatte erfahren, wo ich herkam, und ich erzählte in meiner Vorfreude auf das zu Erwartende, dass ich die Gurte für meinen Trabi benötigen würde. Ohne mit seinen Handbewegungen innezuhalten, schüttelte er leicht den Kopf und meinte, mit einem seltsamen Unterton in seiner Stimme: „Jessas na, a Trabi!“ Toni gab seinem Bekannten ein Trinkgeld, wie ich zu bemerken glaubte, und schenkte mir die Gurte sowie einige bei uns nicht immer leicht zu bekommende Werkzeuge, zum bevorstehenden Weihnachtsfest.

 

Zwei Wochen später
Das Erlebnis, wie es dazu kam, dass mein Trabi, nun mit den West-Gurten versehen, zumindest teilweise zu einem Genex-Luxus-Auto wurde, erzählte ich zuhause meinem Freund Gerd, der beruflich als Gebrauchsgrafiker tätig war und eine Idee hatte, der ich zustimmte. Er fertigte einen gelben Aufkleber an, auf dem der in Bayern, Österreich und der Schweiz von Einheimischen häufig verwendete Ausspruch festgehalten war, mit dem diese kundtaten, dass sie erstaunt, überrascht oder sogar erschrocken waren: JESSAS NA A TRABI. An der Heckscheibe meines Trabis angebracht, beobachteten Gerd und ich mitunter Passanten, die versuchten, hinter den Sinn des kurzen Textes zu kommen. Darüber amüsierten wir uns.

 

Zwölf Monate später
Im Dezember 1989, vor dem Weihnachtsfest, brach ich wieder zu einer Reise Richtung Süden auf. Dieses Mal nicht mit dem Zug und allein, sondern mit unserem Trabi und allen Familienmitgliedern. Es war gar nicht so einfach, uns in die unabsehbar lange Schlange von Trabis, Wartburgs, Ladas, Škodas, Dacias und Moskwitschs (und damit sind fast alle damaligen Autotypen im DDR-Verkehr aufgezählt) einzureihen. Alle Reisende hatten dasselbe Ziel: irgendwo im Freistaat Bayern das „Begrüßungsgeld“ in Höhe von 100 D-Mark pro DDR-Bürger, abzuholen. Die noch vor wenigen Wochen als unfreundlich bis rabiat gefürchteten Männer von den DDR-Grenztruppen und vom Zoll schienen sich über Nacht ins Gegenteil verwandelt zu haben. Was früher viel Zeit in Anspruch nahm, ging nun sehr schnell vonstatten. Sie hätten mich wohl kaum daran gehindert, wenn ich versucht hätte, mit Vollgas (beim Trabi kaum möglich) die Grenze zu überqueren.
Unser Ziel war die fränkische Universitätsstadt Erlangen – die Partnerstadt unseres Wohnortes Jena seit 1987. Auch uns lockte das Begrüßungsgeld. Um dem großen Ansturm einigermaßen gerecht zu werden, hatte die örtliche Sparkasse drei Schalter eingerichtet. Vorne links – unter den Anstehenden: War das nicht die blonde Frau vom Jenaer Volkspolizei-Kreisamt, die mir vor genau einem Jahr die Erlaubnis zu einer Reise in dringenden Familienangelegenheiten in die Bundesrepublik überreicht hatte?

Vor Weihnachten 1989 in Erlangen, Kopie aus 8mm-Filmmaterial.

 

24 Monate später, Dezember 1990, zur Weihnachtszeit
Das Gepäck gut verstaut, nahmen meine Frau und ich, in unserem neuen Auto Platz, das wir uns vor einem Monat angeschafft hatten und als eine Art Weihnachtsgeschenk ansahen. Es war ein Ford Escort, ein Vorführwagen mit 105 PS, der nur wenige Tausende Kilometer gefahren worden war. Keineswegs hatten wir unseren Trabi irgendwo abgestellt und seinem Schicksal überlassen, so wie es manche Leute mit Haustieren tun, wenn sie sich überfordert fühlen. Nein, er hatte einen Totalschaden erlitten, woran ich nicht die geringste Schuld trug und von der Versicherung eine beachtliche Summe erstattet bekam. Toni hatte mir geraten, beim Kauf eines Autos meine Augen auf Vorführ- oder Jahreswagen zu richten. Es seien jetzt Betrüger unterwegs, die versuchten, gutgläubigen Menschen in den neuen Bundesländern alte Gebrauchtwagen für völlig überhöhte Preise aufzuschwatzen. Trudi in Gröbenzell freute sich über unseren Besuch und wir feierten gemeinsam das schönste Fest des Jahres. Toni kam gelegentlich herüber. Wir tranken gemeinsam eine Flasche Rotwein und sprachen lachend, auch über das Beschaffen der Rollgurte vor zwei Jahren. Die Bundesrepublik als ein Zentrum des kapitalistischen Imperialismus ist bis heute nicht „gesetzmäßig“ untergegangen, mitsamt ihren Autos. Untergegangen hingegen ist ein diktatorisches System, das sich in halb Europa eingenistet hatte. Ob das Verschwinden gesetzmäßig oder zufällig geschah, sei dahingestellt. Auf jeden Fall war es Glücksfall für Europa und die Welt. Vieles ging zugrunde, zumeist Unbrauchbares. Zu diesem gehörte mein Trabi jedoch nicht.

 

Baldur Haase
Publizist, Jena

Ein Traum ging in Erfüllung: Unser erster Westwagen 1990. Wir fuhren noch eine ganze Weile mit dem polizeilichen Kennzeichen aus der DDR. "N" stand für Bezirk Gera.

 
 
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