Meldungen des Jahres 2022

Meldung vom 28. Juni 2022

Crowd-Projekt: Zeitzeugenwerkstatt „Friedensgemeinschaft Jena“ 1983 – Wir brauchen Eure Unterstützung!

Mitglieder der „Friedensgemeinschaft Jena“ am 18. März 1983, nachdem die Gruppe mit ihren selbstgestalteten Transparenten und Plakaten von einer städtischen Friedensdemonstration abgedrängt wurden. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft (RHG_Fo_HAB_11510), Fotograf: Bernd Albrecht

 

Anfang der 1980er Jahre erwarb sich die Universitäts- und Industriestadt Jena den Ruf einer heimlichen Hauptstadt der Opposition. Regelmäßig lehnten sich hier mutige, junge Leute gegen die Einparteienherrschaft auf und hinterfragten die Phrasen der SED-Diktatur. Aus christlicher, pazifistischer und humanistischer Überzeugung formierte sich Anfang 1983 die „Friedensgemeinschaft Jena“ (FG) und trat mit eigenen Forderungen an die Öffentlichkeit: „Frieden schaffen ohne Waffen“, „Weg mit dem Kriegsspielzeug“, „Entrüstet Euch“, „Verzichtet auf Gewalt“, „Militarisierung raus aus unserem Leben“, „Wir wollen sozialen Friedensdienst“, „Frieden für alle", „Schwerter zu Pflugscharen". Das Regime reagierte massiv, die Geheimpolizei nannte die Aktion „Gegenschlag“, weil sie in der FG nur eine „feindlich-negative Gruppierung“ sah. Viele FG-Mitglieder verließen unfreiwillig ihre Heimat. An die Ereignisse vor 40 Jahren will die Geschichtswerkstatt mit einer filmischen Zeitzeugenwerkstatt erinnern, die wir im 2. Halbjahr 2022 umsetzen möchten.

Für die Umsetzung benötigen wir noch etwas Unterstützung und möchten unsere Crowd, also Euch, um Hilfe bitten. Das Besondere an der Jena-Crowd-Plattform ist, dass die Jenaer Stadtwerke bei jeder Spende ab 10 € weitere 10 € hinzugeben. Aus einer 10 €-Spende werden somit sofort 20 € für das Projekt.

 
Über diese Projekt-Seite kann die Crowd uns unterstützen: https://www.jena-crowd.de/fg-jena
 
Es gibt auch einige interessante Prämien, die in Verbindung mit einer Spende ausgewählt werden können. Selbstverständlich werden auf Wunsch auch Spendenbescheinigungen ausgestellt.
Vielen Dank für Eure Unterstützung!
Die bisherigen Teile der Projektreihe Zeitzeugenwerkstatt sind über den YouTube-Kanal der Geschichtswerkstatt
Jena abrufbar: https://www.youtube.com/user/gwsjena
Meldung vom 01. Juni 2022

Neue Ausgabe der Gerbergasse 18 erschienen: Christen in der DDR

In Europa herrscht – wieder – Krieg, Millionen Menschen sind zur Flucht gezwungen, Tod und Leid zerreißen Familien. Der schändliche Überfall des russischen Regimes auf die Ukraine hat – über 30 Jahre nach Ende des „Kalten Krieges“ – sogar die Schreckensvision eines Atomkrieges zurück auf die weltpolitische Bühne gebracht. Der pazifistische Wunsch „Nie wieder Krieg“ wirkt gegenwärtig wie eine naive Hoffnung, während über Militärmilliarden und Waffenlieferungen diskutiert wird.  „Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein!“ Das war und ist der Leitsatz, der Christen in ihrem Nein gegenüber Kriegsrhetorik und Aufrüstungslogik immer bestärkte. Angesichts der Kriegsgräuel ist die christliche Friedensbotschaft dringender denn je. Umgekehrt lässt sich fragen: Welchen Platz haben aktuell die Erfahrungen des gewaltlosen Widerstands in der DDR, während Bomben ukrainische Städte dem Erdboden gleich machen? Praktizieren hierzulande viele, wie der Katholik Wolfgang Thierse meinte, einen „Pazifismus auf Kosten anderer“?
Mit der neuen Ausgabe der „Gerbergasse 18“ werden Lebenswege, Glauben und Handlungsspielräume von Christinnen und Christen in der DDR in den Mittelpunkt gerückt. Die kirchenfeindliche Politik der SED zeigte sich nicht nur in symbolischen Akten wie dem Abriss oder der Sprengung von Kirchen, sondern vor allem in der Diskrepanz zwischen verordneter Friedenspropaganda und wachsender Militarisierung. gleichwohl die Gründe für die Konfessionslosigkeit in Ostdeutschland vielschichtiger sind. Heute finden sich beide großen Kirchen in einer Minderheitenposition wieder, jüngste Zahlen gehen von weniger als 50 Prozent Kirchenbindung in Deutschland aus. Ende der 1980er Jahre haben kirchliche Frei- und Denkräume die Friedliche Revolution vorbereitet und ermöglicht. Kirche war jung, plural, streitbar, so wie davor und danach nicht mehr. Und Anfang 1990 gewährte ein Christ, der Pastor Uwe Holmer in Lobetal bei Bernau, dem angefeindeten Ehepaar Erich und Margot Honecker für zehn Wochen Asyl, jüngst verarbeitet im Spielfilm „Honecker und der Pastor“. Spät, 2017 und 2020, reagierte die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) mit einem Bußwort und einem Fonds, um gegenüber verfolgten kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bislang vermisste Anerkennung und Würdigung auszudrücken, um begangenes Unrecht, auch seitens der Institution Kirche, festzustellen und sichtbar zu machen.

Weitere Beiträge im Heft beschäftigen sich unter anderem mit dem Eisenbahnunfall von Langenweddingen 1967, der schwersten Zugkatastrophe der DDR, mit dem Leben von Kindern und Jugendlichen in Behinderteneinrichtungen der DDR sowie mit der Debatte um die NATO-Osterweiterung, in der Kriegsnarrative und Mythenbildung aufeinander treffen.

Das Heft 102 ist wie immer im Buchhandel, ausgewählten Museen/Gedenkstätten oder direkt über die Geschichtswerkstatt Jena erhältlich

Hier finden Sie einige Leseproben und das Inhaltsverzeichnis der Ausgabe.

Meldung vom 01. April 2022

Videoporträt 35 Jahre Städtepartnerschaft Erlangen-Jena (1987–2022) zur virtuellen Feierstunde am 8. April 2022

In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre entstanden mehrere deutsch-deutsche Städtepartnerschaften, beginnend mit Saarlouis-Eisenhüttenstadt 1986. Die vierte Partnerschaft zwischen einer Stadt in der Bundesrepublik und in der DDR wurde im Frühjahr 1987 zwischen Erlangen und Jena geschlossen. Obwohl bereits durch die Initiative des Erlanger Stadtrats Claus Uhl 1970 das Interesse aus Oberfranken bestand, ermöglichten erst die Verhandlungen hinter den Kulissen, unter anderem im Vorfeld von Erich Honeckers Staatsbesuch in der Bundesrepublik, diese Partnerschaft auf kommunaler Ebene – bis Ende 1989 allerdings nur punktuell und von DDR-Seite mit handverlesenen Gästen. Es entstanden mühsam ausgehandelte Jahresprogramme, die jeweils nur wenigen Jenaerinnen und Jenaern einen Besuch in der Partnerstadt ermöglichten. Das änderte sich im Herbst 1989 durch die Friedliche Revolution – aus einer anfänglichen Funktionärs- wurde nun eine echte Bürgerpartnerschaft.

Die Geschichtswerkstatt Jena hat Protagonisten der "ersten Stunde" für ein Videoporträt befragt und wird den Film "Zeitzeugen einer Freundschaft" am 8. April (dem historischen Datum der Unterzeichnung in Jena 1987) in einer virtuellen Feierstunde vorstellen. Zu Wort kommen unter anderem die Alt-Oberbürgermeister beider Städte, aber auch Bürgerinnen und Bürger, die sich an die besondere Verbindung erinnern. Während viele vor 1990 eingegangene Städtepartnerschaften inzwischen weitgehend eingeschlafen sind oder nur noch auf dem Papier existieren, lebt die zwischen Erlangen und Jena fort – auch nach mittlerweile 35 Jahren.

 

Meldung vom 28. Februar 2022

Neue Ausgabe der Gerbergasse 18 mit Schwerpunkt AKTEN erschienen

In der neuen Ausgabe wird das Themenfeld AKTEN aus unterschiedlichen Blickwinkeln und Positionen beleuchtet. Wichtige Bezugspunkte sind dabei die Sicherung und Rettung der Akten vor der begonnenen Vernichtung im Zeitfenster Ende 1989 bis Anfang 1990, die heftige Debatte um deren gesellschaftliche Sprengkraft (Vernichten vs. Bewahren) und die letztendlich beispiel-gebende Schaffung eines Stasi-Unterlagen-Gesetzes (StUG), das eine persönliche Akteneinsicht seit 1992 ermöglichte. Zwei Interviews versuchen die damalige Situation darzustellen: Roland Geipel spricht über die Lage in Gera 1989/90 und seine Beweggründe für das Lesen und Bewahren der Akten-kilometer; Frank Ebert war im September 1990 Teil einer Gruppe, die durch die medienwirksame Besetzung der vormaligen Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg einen geregelten Zugang zu den Akten erstritten hat. Im Sommer 2021 wurden die Stasi-Akten formell in das Bundesarchiv eingegliedert und die Sonderbehörde des Bundes-beauftragten (BStU) nach 30 Jahren aufgelöst. Der bisherige Zugang für Betroffene und Forschende soll weiterhin erhalten bleiben. Was fördert die Akten-Einsicht für individuelle Erkenntnisse zutage, was macht die Lektüre mit dem Einzelnen und welche Fragen bleiben bei den Lesern offen? Darüber ist relativ wenig bekannt nach 30 Jahren Stasi-Forschung zu Wirkung und Wirkungsweisen der DDR-Geheimpolizei. Nicht zuletzt stellt sich die Frage, was eigentlich aus dem hauptamtlichen Stasi-Peronal, den Akten-Produzenten, nach 1990 wurde?
Aber auch viele weitere Themen und Beiträge bietet das neue Heft 101: etwa zur Geschichte des Roten Kreuzes in der DDR, zu den frühen Hackerkulturen in Ost und West oder zur Traumatierung infolge politischer Haft – und den Nachwirkungen bis heute. Ebenso enthalten ist ein Artikel zur Überwindung der deutsch-deutschen Teilung durch Liebesbeziehungen im Eichsfeld sowie ein Kommentar zum Verbot der Menschenrechtsorganisation MEMORIAL in Russland, das (im Rückblick betrachtet) leider nur den Auftakt für eine neue Verbotswelle gegenüber den wenigen unabhängigen Stimmen der russischen Zivilgesellschaft markierte. In zwei Rezensionen werden Neuerscheinungen vorgestellt: das oft reißerisch und voyeuristisch behandelte Thema Prostitution in der DDR und die Rolle kybernetischer Einflüsse auf die
überwachungstechnischen Fähigkeiten des MfS.
Das Heft ist wie immer direkt über die Geschichtswerkstatt oder den lokalen Buchhandel erhältlich.

Eine Inhaltsübersicht und einige Leseproben finden Sie hier.

 
 
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