Aktuelle Meldungen und Veranstaltungen

Meldung vom 20. Oktober 2017

Veranstaltungsbericht zur fünfteiligen Filmreihe mit dem Dokumentarfilm "Der Mythos – eine Reise in den Roten Oktober" in Thüringen

Im Bild: Das Filmteam des Dokumentarfilms "Der Mythos – eine Reise in den Roten Oktober":
Dr. Henning Pietzsch (Fachberater), Lutz Rentner (Autor) und Tom Franke (Regisseur), v.l.n.r.
(nicht im Bild: der Regisseur Frank-Otto Sperlich)
 
Die Geschichtswerkstatt Jena veranstaltete im Oktober 2017 eine fünfteilige Kinoreihe zum neuen Fernsehdokumentarfilm "Der Mythos – eine Reise in den Roten Oktober" (ein Film von NOAHFILM Film- und Fernsehproduktion Berlin). Film und Veranstaltungen wurden gefördert durch die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.
Der Film wurde in folgenden Orten gezeigt: am 10. Oktober in Jena (Kino im Schillerhof),  am 11. Oktober in Altenburg (Kino Capitol), am 17. Oktober in Weimar (Kommunales Kino im mon ami), am 18. Oktober in Gera (Metropol Kino) und am 19. Oktober in Bad Klosterlausnitz (Holzlandkino).
Zu jeder Filmveranstaltung wurde im Nachgang ein Publikumsgespräch mit den Filmemachern angeboten. Anwesend waren neben dem Autor und Produzenten Lutz Rentner, der Regisseur Tom Franke sowie der historische Fachberater Dr. Henning Pietzsch. Der Eintritt zu den jeweiligen Veranstaltungen war frei.
 
Ziel war es, das aktuelle Thema "100 Jahre Oktoberevolution" in der räumlichen Fläche Thüringens einem interessierten Publikum anzubieten. Das Angebot einer jeweiligen Kinovorführung in Verbindung mit der Möglichkeit, die Macher des Filmes kennen zu lernen sowie inhaltlichen Austausch anzubieten, erwies sich als ambitioniertes Anliegen.
Es zeigte sich, dass an Standorten mit kulturellen Hotspots, wie Jena und Weimar, insgesamt mehr Publikum angesprochen werden konnte. In Altenburg, Gera und Bad Klosterlausnitz wurde das Angebot dagegen geringer angenommen. In Gera erreichte die breite Werbung insgesamt die meisten Zuschauer in der Fläche. Die Kinobetreiber in Altenburg bewarben die Veranstaltung für den eigenen Standort gar nicht. Daraus ergab sich der zweitgeringste Zuspruch. In Bad Klosterlausnitz kamen trotz des großen Werbeaufwands die wenigsten Zuschauer. Insgesamt konnten wir mit den fünf Veranstaltungen rund 100 Kinobesucher erreichen.
 
Neben der teilweise mangelhaften Werbung wie in Altenburg wurde deutlich, dass zentrale Veranstaltungsorte wie in Jena und Weimar, wo ein entsprechend interessiertes Publikum angesprochen werden kann und etablierte Veranstalter zusammenarbeiten können, insgesamt mehr Zuspruch erfahren. Andererseits ist in den kulturellen Zentren der Konkurrenzdruck durch die hohe Angebotsdichte nicht zu unterschätzen. Das erzeugt nicht vorhersehbare Zufälligkeiten in der Publikumsbewegung. Die in der Fläche zum Teil nicht vorhandenen Netzwerke und Kontinuitäten für Angebote der politischen Bildung, sowie das teilweise vorhandene Desinteresse auch von Seiten der Veranstalter, verursachte nach unserer Einschätzung den geringen Zuspruch vor allem in Altenburg. Aber auch dort, wo die Werbung in der Breite möglich war, so in Bad Klosterlausnitz und Gera, zeigte sich, dass "Einzelveranstaltungen" der politischen Bildung kaum auf Interesse stoßen. Lokale Zeitungen reagierten nur zögerlich, um das Angebot deutlicher zu veröffentlichen. So wurden Textvorschläge des Veranstalters nicht übernommen. Es wurden lediglich kurze Ankündigungen oder die Übernahme in einen Veranstaltungskalender durchgeführt. Die Werbung auf Internetplattformen lief hingegen gut bis sehr gut, weil Platzressourcen vorhanden sind. Das Internet wird jedoch in der Regel vor allem von jüngeren Menschen genutzt. Unser Publikum war überwiegend älter und hatte zumeist persönliche Motive, das Filmangebot zu nutzen. Jüngeres Publikum konnten wir nur in Jena erreichen, was dem Umstand geschuldet ist, das Jena Universitätsstadt ist. Das Angebot für eine journalistische Aufbereitung nahm einzig ein Journalist vom MDR wahr. Er führte ein Gespräch über die Veranstaltung und die angebotenen Inhalte mit dem Ziel, dies nachträglich im Rahmen seiner eigenen Recherche zum Thema Oktoberevolution beim MDR zu veröffentlichen.
 
Veranstaltungen der politischen Bildung erfreuen sich nach jetziger Einschätzung auch im Rahmen von Kinoveranstaltungen in etablierten kulturellen Räumen großen Zuspruchs. Mit Blick auf mögliche Zuschauerzahlen und/oder Teilnehmerzahlen können hier mehr Menschen erreicht werden. Dennoch erweist sich gerade vor dem Hintergrund der Erfahrung im Rahmen der Kinoreihe, dass besonders in der Fläche kaum Angebote vorhanden sind, eine einigermaßen kontinuierliche Angebotsform praktisch fehlt. Einzig "bekannte Größen" vermögen es bei gelegentlichen Veranstaltungen mehr Publikum zu erreichen. Dies ist sicher auch auf eine Vernachlässigung bildungspolitischer kultureller Angeboten in diesen Räume zurückzuführen. Man "erwartet" quasi in diesen Räumen keine hochwertigen und/oder auch bildungspolitisch interessanten Angebote! Selbst dann, wenn beispielsweise wie in Bad Klosterlausnitz oder Gera generell großes Interesse bei den Kinobetreibern vorhanden ist.
 
Neben einem allgemeinen Interesse, die Filmemacher hinter der TV-Produktion kennenzulernen, waren vor allen fachliche und persönliche Interessen beim Publikum auszumachen. Es wurden Fragen über die Entstehung und Umsetzung sowie Bedingungen und Umstände der Produktion gestellt. Aber auch historische Fragestellungen sowie persönliche Erfahrungen wurden vorgetragen. Besonders häufig wurde ausgeführt, dass man eine unzureichende Beschäftigung und Auseinandersetzung mit historisch wichtigen Themen an den Schulen zu verorten glaubt. Ältere Zuschauer gleichten die ausgeführten Fakten mit ihren "Schulkenntnissen" aus der DDR-Zeit ab und waren zum Teil "erstaunt" über die vorgetragenen Erkenntnisse. Es zeigte sich, dass langfristig angelegte Geschichtsbilder bis heute nachwirken und einer aktualisierten Korrektur bedürfen. Kritisch bemerkt wurde die "Dichtheit" der Fakten. Anerkennung fand dagegen vor allem die "ausgewogene" Darstellung und die Form der Umsetzung der Inhalte, was auf die verschiedenen Ebenen des Filmes abstellte, wo der Zugang zu den historischen Fakten und Bildern über offene Fragestellungen erfolgte. Mehrfach wurde der Wunsch geäußert, diese Produktion nachträglich zu erwerben und vor allem Schulen anzubieten. Für Thüringen würde sich das Thüringer Lehrerinstitut Thillm in Bad Berka anbieten, wo Thüringer Lehrer Zugriff haben.
 
Insgesamt ist einzuschätzen, dass trotz des vergleichsweise hohen Aufwandes und schwieriger Rahmenbedingungen bei der öffentlichen Werbung und Wahrnehmung solcher Produkte und Angebote vor allem in der Fläche, das Angebot bei den erreichten Zuschauern sehr gut ankam und dankbar aufgenommen wurde, die erreichten Menschen sich als "Ansprechpartner" und Publikum angenommen und ernst genommen fühlen.
 
Dr. Henning Pietzsch
Meldung vom 10. Oktober 2017

Neue Ausgabe der „Gerbergasse 18“ mit Schwerpunkt Wirtschaft erschienen

Im neuen Heft der Zeitschrift „Gerbergasse 18“ stehen diesmal Fragen zur Wirtschaftsgeschichte Ostdeutschlands im Mittelpunkt. Wie vielfältig und kontrovers die Perspektiven bis heute ausfallen, zeigt die Bandbreite der Titelthemen. Zu Beginn verfolgt eine Spurensuche die statistische Karriere der DDR als „eine der führenden Wirtschaftsnationen der Welt“. Ausgangspunkt dafür ist die SED-Propagandaformel „Unter den ersten zehn“, die Mitte der 1960er Jahre verstärkt auftauchte und sogar von westlichen Korrespondenten übernommen wurde. In einem anderen Beitrag analysiert der Historiker Dietmar Remy, der bald eine umfangreiche Biografie über Wolfgang Biermann (1927–2001) veröffentlicht, das Wirken des umstrittenen Zeiss-Generaldirektors, der von 1975 bis Ende 1989 an der Spitze des Kombinats Carl Zeiss Jena stand. Weitere Beiträge untersuchen die ökonomische Bedeutung der Bausoldaten für das SED-Regime, die Wirtschaftsspionage in West-Berlin oder die Struktur des ostdeutschen Treuhandpersonals.

Doch auch die zusätzlichen Texte im Heft zur Zeitgeschichte bieten neue Einsichten. Etwa eine Darstellung über die wenig bekannte Gruppe der Auskunftspersonen (AKP), die abseits der Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) ein dichtes Informanten-Netz in den Wohngebieten bildeten. Der „Weiße Kreis“ war im Sommer 1983 eine lose Gruppe von Ausreisewilligen, die friedlich und zumeist weiß gekleidet auf dem Platz der Kosmonauten (heute Eichplatz) demonstrierten. Heidelore Rutz war mit ihrer Familie dabei und wurde inhaftiert. Sie schildert in einem persönlichen Bericht ihren langen Weg in die Freiheit. Ein Artikel zu den Erinnerungen von Opfern politischer Gewalt, ein Nachruf auf die verstorbene DDR-Fußballlegende Manfred Kaiser, eine Betrachtung zum Phänomen „DDR-Alltags-Museen“ sowie eine Rezension zur verschwiegenen und unterdrückten Literatur bis 1989 runden das Heft ab. Hier mehr zum Inhalt und einige Leseproben.

Die neue Ausgabe 3/2017 der „Gerbergasse 18“ (Heft 84) ist zum Preis von 3,50 € ab sofort im Buchhandel oder direkt bei der Geschichtswerkstatt Jena erhältlich (einfach per eMail oder über das Kontaktformular).

 
 
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