Aktuelle Meldungen und Veranstaltungen

Meldung vom 18. Mai 2017

Peter "Blase" Rösch (1953–2017) – zwei Nachrufe

Peter Rösch (* 15. Oktober 1953 in Jena; † 17. Mai 2017 in Berlin) war ein DDR-Bürgerrechtler, Feinmechaniker und Restaurator. Rösch wuchs in Jena auf und erlernte den Beruf eines Feinmechanikers und war als solcher in der Forschungswerkstatt des Bereiches Medizin der Friedrich Schiller Universität Jena tätig. Er trampte zu vielen Rock- und Blueskonzerten und bekam von seinen Freunden den Spitznamen „Blase“. Aus politischen Gründen wurde ihm die Teilnahme an einer Abiturausbildung verwehrt. Maßgeblich war er in den Jahren 1973 bis 1982 an Aktionen und DDR-weiten Vernetzungen der „Offenen Arbeit“ der Jungen Gemeinde Stadtmitte beteiligt. Mehrfach wurde ihm der Personalausweis entzogen. 1976 beteiligte er sich am Protest Jenaer Oppositioneller gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann und wurde verhaftet und verhört. Das MfS führte danach gegen ihn und weiter Aktive der Jungen Gemeinde Jena-Stadtmitte den Operativen Vorgang „Qualle“. In den Jahren 1978 bis 1979 war der Waffendienstverweigerer als Bausoldat einberufen worden und in den letzten zwei Monaten im Arrest einer Bautzener Kaserne in Einzelhaft. Nachhaltig prägte der Tod seines Freundes Matthias Domaschk bei der Stasi sein Leben. Am 10. April 1981 war er mit Domaschk unterwegs zu einer Geburtstagsfeier nach Ost-Berlin. Am gleichen Wochenende fand der X. Parteitag der SED statt. Rösch und Domaschk wurden verhaftet und in die Stasi-Untersuchungshaftanstalt in Gera verbracht. Domaschk verstarb hier unter bis heute ungeklärten Umständen. 1982 emigrierte Peter Rösch nach West-Berlin und arbeitete dort seit 1983 im Deutschen Technikmuseum als Restaurator, später auch als Personalrat. Er unternahm Vortragsreise zum Thema „Friedens- und Oppositionsgruppen in der DDR“ durch die Bundesrepublik, die Niederlande, und Dänemark und wirkte in der Arbeitsgruppe „Berlin- und Deutschlandpolitik“ der Alternativen Liste mit. Er unterstützte gemeinsam mit Jürgen Fuchs und Roland Jahn aktiv die Oppositionsbewegung in der DDR und versorgte sie mit Informationen, Büchern und drucktechnischen Materialien. Nach der Friedlichen Revolution zog er 1992 in den Ostteil der Stadt und gründete das Bürgerkomitee 15. Januar zur Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit sowie die Geschichtswerkstatt Jena mit. In den Jahren 1992 bis 2002 war er Redakteur der Aufarbeitungs-Zeitschrift "Horch und Guck".
 
Gerold Hildebrand
 
 

Unser Freund hat seine Ruhe gefunden

Blase, mein Freund, unser Freund, Freund so vieler Menschen, Menschen, die Du in Deinem Leben begleitet hast und die Dich begleitet haben. Vor wenigen Stunden erfuhr ich, dass Du letzte Nacht auf die andere Seite der Zeit gewechselt bist. Das war wie ein tiefer Schlag in die Magengegend.

47 Tage hast Du gerungen, um wieder in unsere Zeit zurück zu kommen. Viele Freunde und Menschen sind diesen letzten Weg mit Dir gemeinsam gegangen. Sie waren bei Dir am Krankenbett, täglich, wöchentlich, und hofften so sehr, dass Du wieder zurückkommst. Warum? Weil Du einer der wenigen Menschen unter all den verschiedenen Freunden warst, der sich auch immer für andere Menschen eingesetzt hat. Du warst nicht nur solidarisch, sondern Du teiltest ihre Sorgen und Nöte. Und, Du hast so oft für sie und ihre Interessen gekämpft, mit Schläue und vor allem angstfrei.

Letzteres lerntest Du dort, wo Deine Biografie ihren Anfang nahm, in Jena. Es war eine Zeit der politischen Diktatur, die nicht alle überlebt haben, so, wie Dein Freund Matz (Matthias Domaschk). Immer wieder hast Du Dich mit anderen aufgemacht, um seinen Tod in den Händen der Stasi aufzuklären, zuletzt in unserer Arbeitsgruppe seit 2015. Während Matz als Märtyrer Eingang in die geschriebene Geschichte fand, hast Du Dich beharrlich geweigert, „Bürgerrechtler“ genannt zu werden, Person des „öffentlichen Interesses“ zu werden oder zu sein. Sogar das Bundesverdienstkreuz hast Du abgelehnt. Warum? Nicht nur, weil Du bescheiden geblieben bist in der politischen Aufwertung Deiner Person, sondern, weil Du kritisch geblieben bist, auch und nicht zuletzt gegenüber den neuen Zeiten im wiedervereinten Deutschland. Das wundert kaum, denn Du hattest viele Prüfungen im ersten Teil Deines Lebens zu bestehen. Willkürliche Verhaftungen, politische Ausgrenzung und Verfolgung durch die „Genossen“. Das war an der Tagesordnung. Doch sie konnten Dich nicht brechen. Andere schon. Auch den Popen in der Evangelischen Kirche hast Du nie wirklich ganz vertraut. Viele von ihnen haben Wasser gepredigt und selber Wein gesoffen, haben mit der Stasi zusammengearbeitet, um uns die Freiheit zu nehmen nach der wir strebten. Das erkanntest Du schon damals alles recht schnell. Nur einem hast Du wirklich vertraut, Walter, unserem Pfarrer Walter Schilling aus Braunsdorf, der uns bereits vor 4 Jahren verlassen hat.

Und wenn Du jetzt über grüne Wiesen gehst, am Horizont die Freunde auf der anderen Seite siehst, dann weißt Du, dass Du angekommen bist. Sage Walter, wir haben ihn nicht vergessen. Sage Matz, wir können ihn zwar hier nicht hören und von ihm erfahren, was damals wirklich in der MfS-Untersuchungshaftanstalt Gera mit ihm geschah, aber: Wir sind dabei, das „Rätsel“ zu lösen und die Verantwortlichen von damals werden Rechenschaft ablegen. Wir hätten Dich so gern dabei gehabt.

Ruhe in Frieden!

Dein Freund "Dr. Henning"

 

Dr. Henning Pietzsch

 

 

Presse: Welt, vom 12.4.2016
 
armadafilm Berlin Tom Franke, Henning Pietzsch

 

Bilder:

1. Ministerpräsident Bodo Ramelow, Renate Ellmenreich und Peter Rösch bei der Einsetzung der Arbeitsgruppe "Matthias Domaschk 2.0" im März 2015

2. Peter Rösch im Jahr 2008 in Dietrichshütte beim Sommerfest von Walter Schilling

3. Peter Rösch hält eine sehr persönliche Rede zum 35. Todestag von Matthias Domaschk am 12. April 2016 auf dem Jenaer Nordfriedhof

Fotos: Henning Pietzsch

Meldung vom 15. Mai 2017

"Wie viel Russland steckt in der Sowjetunion und wie viel Sowjetunion im heutigen Russland?" – fünfteilige Kino-Veranstaltungsreihe im Oktober 2017

Im Rahmen des Sonderförderprogramms "Der Kommunismus im 20. Jahrhundert" unterstützt die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur im Jubiläumsjahr 100 Jahre nach der russischen Oktoberrevolution von 1917 auch eine von der Geschichtswerkstatt Jena organsierte Veranstaltungsreihe im Oktober 2017.

Die Filmproduktion NohaFilm Berlin arbeitet gemeinsam mit armadaFilm Berlin an einer Filmdokumentation unter dem Arbeitstitel "Mythos. Eine Reise in den Oktober". Der Vorsitzende der Geschichtswerkstatt, Dr. Henning Pietzsch, wirkt als Fachberater mit. Die Leitfrage der Dokumentation sein, "Wie viel Russland steckt in der Sowjetunion und wie viel Sowjetunion im heutigen Russland?", so Pietzsch. Teile des Filmes würden auch vor Ort, im einstigen Reich des roten Oktobers, gedreht. "Es geht uns dabei auch um die grundsätzliche Frage, inwiefern die sogenannte Oktoberrevolution tatsächlich eine Revolution war oder ob es sich dabei nicht eher um einen politischen Putsch handelt". Zu sehen sein wird der Film im Herbst im rbb-Fernsehen sowie innerhalb einer fünfteiligen Veranstaltungsreihe im Oktober in ausgewählten Kinos in Thüringen (Jena, Weimar, Gera, Bad Klosterlausnitz und Altenburg). Zu den Kinoterminen wird jeweils ein Publikumsgespräch angeboten. Die genauen Termine und Orte werden demnächst bekannt gegeben.

Zum Thema und der aktuellen Förderung in Thüringen erschien auch heute auch ein ausführlicher Zeitungsartikel.

 
 
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